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Palandt, Sarrazin und die deutsche Geschichte

Heute kaufte ich mir den Palandt, den BGB-Kommentar für mein zweites Staatsexamen. An der Kasse liegt und steht und stapelt sich das jüngste Buch von Sarrazin. Der habe mit vielen Dingen, die er sage, gar nicht so unrecht, meint die Kassiererin. Dass Türken dumm, Chinesen schlau und deshalb Chinesen statt Türken einwandern sollten, finde sie aber nicht. Ob er das denn so wörtlich gesagt habe. Die Kundin an der Nachbarkasse, die das Buch gerade ersteht, meint, die Deutschen hätten ein Problem mit ihrer Geschichte und trauten sich deshalb nicht, das zu sagen, was Sarrazin sagt. Ich entgegne, die Geschichte lehre, dass man den Anfangen wehren müsse und dass das ein Anfang sei. Und dass das, was damals dumm war, heute noch genauso dumm sei. Sie meint, die Deutschen hätten aus der Geschichte gelernt und bezahlt ihr Buch. Ich bezahle den Palandt. Otto Palandt trat 1933 in die NSDAP ein und war einer der einflussreichsten Juristen des “Dritten Reichs”. Er meinte, zu den erforderlichen Kenntnissen im ersten Staatsexamen gehöre “vor allem die ernsthafte Beschäftigung mit […] dem Gedanken der Verbindung von Blut und Boden, von Rasse und Volkstum”. Wenn ich in meinem Examen nächste Woche ein Problem recherchiere, werde ich die Antwort in einem Buch suchen, das seinen Namen trägt.

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Tabubruch hat so einen Bart!

Walser, Möllemann, Herman, Sarrazin und jetzt: Grass. Sie sprechen aus, was alle wissen, aber sich keiner zu sagen wagt – angeblich. Sie brechen mit einem Tabu, das sie selbst konstruiert haben. Als würde nicht an jedem Stammtisch über Ausländer oder Deutsche mit Migrationshintergrund gehetzt. Als würde in der Öffentlichkeit nicht umfangreich über die Gefahr eines Krieges im Nahen Osten oder die isrelische Siedlungspolitik diskutiert. Albrecht von Lucke analysiert diese “Dialektik des Tabubruchs” in Deutsche Zustände X folgendermaßen:

Erstens: Der moderne Populismus bedient sich immer der Strategie der gezielten Regelverletzung. Dabei hüllt er sich in das Mäntelchen des Aufklärers, indem er seine Provokationen als Kampf gegen irrationale Tabus inszeniert.

Zweitens: Die Provokation, das gezielte Spiel mit der Regelverletzung, gelingt nur dann, wenn sie tatsächlich verfängt. Dafür muss der Provozierte “mitspielen”, also als Provozierter reagieren und mit seinem Protest die Antithese zur Provokation selbst beisteuern. Stets kalkuliert der Tabubrecher diese Reaktionen bereits bei seinen Vorüberlegungen ein. Dieser gedankliche Vorsprung macht seine strategische Überlegenheit aus.

Drittens: Erst dadurch, nämlich dank der provozierten Reaktion, ist der Tabubrecher endgültig in der Lage, sich als im Namen des Volkes auftretender Robin Hood gegen die Klasse der Etablierten zu inszenieren. Indem er seine These und die Antithese seiner Gegner aufnimmt, kann er diese coram publico synthetisieren und seine Conclusio daraus ableiten: Seht her, nur ich allein setze mich stellvertretend für die unterdrückte Bevölkerung gegen die Meinungsdiktatur der herrschenden Klasse zur wehr.

Im Umgang mit solchem Populismus schlägt von Lucke vor, die Behauptung einer unüberwindbaren political correctness und des vermeindlichen Tabubrechers als Gegner eines geschlossenen elitären Systems zu dekonstruieren, sowie bei der Reaktion die richtige Dosis zu wählen, um diesen nicht rückwirkend ins Recht zu setzen. Thomas Hinrichs hat das m.E. ganz prägnant gemacht.

2. Update: “WJ-Klartext” mit Sarrazin

2. Update zu “WJ-Klartext mit Sarrazin” – Meinungsmache statt Diskussion

Gestern brachte das ZDF-Kulturmagazin “aspekte” einen zehnminütigen Beitrag über Thilo Sarrazin. Die Dreharbeiten hatten für einige Aufmerksamkeit in der Online-Presse (z.B. Stern, Taz, Focus, Spiegel, Welt) gesorgt, nachdem sich Sarrazin bei der Kreuzberg-Visite einiger Empörung ausgesetzt sah. Das ist nicht verwunderlich, schwafelt Sarrazin doch gerne abfällig über “die Orientalen” und ihre Verhaltensweisen. Weiterlesen

Update: “WJ-Klartext” mit Sarrazin

Update zu “WJ-Klartext mit Sarrazin” – Meinungsmache statt Diskussion

1. In der ihm eigenüblichen journalistischen Qualität tratscht der Mannheimer Morgen unter dem Motto “Gegenwind ist Sarrazin gewohnt”.

Sarrazin wird als ein alter Haudegen dargestellt, etwa wenn es heisst:

Vor dem Veranstaltungsort fanden sich dann noch knapp 50 Demonstranten – pro und contra – ein. Das Übliche, wie der umstrittene Gast mit einem Schmunzeln bemerkte.

Davon beeindrucken ließ sich der 66-jährige “unfreiwillige Rentner”, wie er sich selbst einmal bezeichnete, im gut gefüllten Musensaal jedenfalls nicht. Gegenwind ist er mittlerweile gewohnt. Er dozierte in freier Rede, den Kopf nach rechts und links wendend, über “schlichte Wahrheiten”. Durchaus witzig und unterhaltsam breitete Sarrazin seine drei Kernthesen vor einem geneigten Publikum aus (…)

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“WJ-Klartext” mit Sarrazin: Meinungsmache statt Diskussion

Thilo Sarrazin fällt öfter mal durch rassistische Äußerungen auf. Für die Wirtschafts-junioren Rhein-Neckar kein Hindernis, ihm im Mannheimer Rosengarten ein breites Forum zu bieten. Kritiker wurden hingegen aussortiert – und ich aus dem Saal geworfen.


Bilder: rheinneckarblog.de

“In einer Demokratie ist der Dialog mit allen gesellschaftlichen Gruppen notwendig. Dies gilt insbesondere dann, wenn die zu diskutierenden Themen unbequem, konfrontativ und provozierend sind. Wir Wirtschaftsjunioren stehen für eine offene Gesellschaft. Wir diskutieren offen und gerne auch kontrovers über aktuelle gesellschaftsrelevante Themen. Die Veranstaltung ‘Klartext der Wirtschaftsjunioren der Metropolregion’ verstehen wir deshalb als Diskussionsplattform und nicht als Forum der Stimmungsmache oder der Agitation.” – Ankündigung der Wirtschaftsjunioren

Soweit die Theorie! Weiterlesen

Keine Bühne für Salonrassismus

Auf Einladung der Wirtschaftsjunioren Mannheim-Ludwigshafen, einem Verbund “junger Unternehmer und Führungskräfte” mit (standesgemäß) neoliberaler Ausrichtung, wird diesen Donnerstag Hobbywissenschaftler und Buchmillionär Thilo Sarrazin im Mannheimer Rosengarten sprechen. Hiergegen haben u.a. die Mannheimer Grünen, OB Peter Kurz, der AK Antifa Mannheim und das Kritische Kollektiv (IL) mit klaren Worten Stellung bezogen.

Mein Statement in der Presseerklärung des Kritischen Kollektivs (IL):

Eine wirklich kritische Auseinandersetzung mit dem Thema Migration kann nicht mit einem ‚Hassprediger’ wie Thilo Sarrazin erfolgen, sondern nur in respektvollen Gesprächen auf Augenhöhe und im Austausch mit den Menschen selbst stattfinden.

Ich finde es richtig, dass auch die Äußerung kruder Ansichten wie jener Thilo Sarrazins vom Grundgesetz geschützt wird und nicht einfach von staatlicher Seite dagegen vorgegangen werden kann. Das heisst aber eben auch, das wir als Zivilgesellschaft Verantwortung für das übernehmen müssen, was die öffentliche Meinung beeinflusst. Um nicht alles zu wiederholen, möcht ich im übrigen auf die vielfältigen und gewichtigen Argumente in den Pressemeldungen der o.g. Gruppen verweisen.

Auf Initiative von Gerhard Fontagnier (Grünen-Stadtrat und Cafga-Beteiber) wird diesen Mittwoch diese Anzeige im Mannheimer Morgen erscheinen:

Wer die Anzeige noch finanzieren oder unterstützen möchte, wird gebeten eine E-Mail an vielfalt-statt-einfalt@fontagnier.de zu schreiben.

Lesenswert ist auch der Artikel “Sarrazin-Debatte: Droht der Kurpfälzer Wirtschaft ein Imageschaden?” von Hardy Prothmann im rheinneckarblog. Ein paar eigene Gedanken zum Thema Integration, habe ich dem Beitrag “Kulturdiskurs und Integration” untergebracht.