Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen!

Plötzlich kam sie auf, diese archaische Diskussion. Unter meinen Freunden, in meiner Wohnung, unter den Augen Comandante “Che” Guevaras. Man hatte sich Kaffee und Plätzchen genehmigt, Lasagne und Gin Tonic und kam nun darüber ein, es müsse Schluss sein mit der sozialen Hängematte. Und ich schwieg.

Natürlich schwieg ich. Was sollte ich auch sagen? War das der Feind im eigenen Haus? Wie kommen Menschen, die ich mag, auf die Idee, anderen eine Sozialleistung von 10 € am Tag zu neiden? Den Ärmsten der Bevölkerung ihr Existenzminimum, das letzte Stück Fleisch auf dem Teller, streitig zu machen? Warum beschwerten sie sich nicht darüber, dass Vermögensmassen in astronomischer Höhe seit Jahren unversteuert bleiben? Oder dass einige Wenige Einkommensteigerungen von 22% erzielen, während der Bevölkerungsdurchschnitt unter sinkenden Reallöhnen leidet?

Begann es jetzt schon in meinem Freundeskreis, das berühmte Kuschen nach oben und Treten nach unten? Und wenn ja: Was sagt das über ihn aus – und was über mich? Vielleicht habe ich mich im Privaten zu wenig bemüht, meine Sicht der Dinge zu verbreiten: Dass die Erwerbsgesellschaft an ihr Ende gelangt ist. Dass dies kein Fluch, sondern ein Segen ist, das Ergebnis eines 250 Jahre währenden Prozesses technischen Fortschrittes der Mechanisierung, Automatisierung, Digitalisierung, mit dem Ziel, den Menschen von dem Joch der Arbeit zu befreien. Dass gerade das Dogma der Erwerbsarbeit die Ursache für die künstliche Verknappung des gesellschaftlichen Reichtums ist. Den Fortschritt zum sozialen Rückschritt werden läßt und weite Lebensbereiche prekarisiert. Und dass jedes weitere Festhalten an diesem Dogma zu immer unmenschlicheren Zuständen führt und geeignet ist, die Werte unsere Gesellschaft bis ins Mark zu erschüttern.

Es kam zum Konflikt und das war auch gut so. Denn so falsch es ist, Einzelnen die Verinnerlichung herrschender Vorstellungen vorzuwerfen, so falsch ist es, zu Schweigen, wo Eingreifen erforderlich ist, um Konflikten aus dem Weg zu gehen. Bei aller Liebe!

3 comments

  1. giovanna

    hahahaaaa ein konflikt? du meinst eine nette diskussion….. schreib doch noch teil 2 😉

  2. Impi

    Man kann fast noch dankbar sein, dass die Menschen in all ihrer pauschalen Widerlichkeit zumindest noch den Zeitwohlstand ihrer arbeitslosen Mitmenschen neiden.

  3. shelmo

    Der Fairness halber gegenüber meinen Freund/innen muss ich schon klarstellen, dass die Realität natürlich nur Anlass war für diesen Text, ich die “pauschale Widerlichkeit”, wie Impi sie nennt, also stilisiert und personalisiert habe, um sie thematisieren zu können.

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