Und K. erblühte

Als K. die Augen öffnete, war es bereits Mittag. Er musste gut vierzig Stunden geschlafen haben. Er war noch gezeichnet von der seltsamen Krankheit, die ihn vor einiger Zeit heimgesucht hatte. Doch K. hatte sie überlebt. Als er sich seiner eigenen Existenz gewiss wurde, hob er mühsam den Kopf und schaute an sich hinunter. Die Krankheit hatte ihn auf ein Zehntel seiner eigentlichen Körpergröße schrumpfen lassen.

Eine ganz eigenartige Art der Zurücknahme. Als ob man in einen kaputten Spiegel blickt und zur Ansicht gelangt, man selbst sei zerbrochen. Zunächst hatte K. aufgegeben, für sich und seine Ziele einzutreten, nach und nach begann er sich immer weiter in Frage zu stellen. Zuletzt sah er gar davon ab, weiter Nahrung aufzunehmen. Er hielt es für sinnlos, einem stillgelegten Wagen weiter Benzin zuzuführen. Nun, da K. den verschrumpelten Rest betrachtete, demgegenüber sein gleich gebliebenes Haupt überdimensioniert wirkte, musste er schmunzeln.

Er streckte sich nach dem Nachttisch und nahm die Medizin, die ihm ein Mädchen in der Zeit seiner Abstinenz zurückgelassen hatte. Sie verfehlte ihre Wirkung nicht; K. verspürte einen gesunden Appetit. Er richtete sich auf und schlurfte in die Küche. Energie kehrte in seinen Körper zurück, der Puls stieg, die ergraute Haut wich einem jugendlichen Rot. K. begab sich auf den Balkon und grüßte die fleißige Nachbarin mit einem selbstverständlichen “Guten Morgen!”. Er war schon fast wieder zu alter Größe gewachsen.

Ihm wurde gewahr, dass er einen folgenschweren Fehler begangen hatte: Er war sich selbst und seiner Sache kein guter Freund gewesen. Er hatte angefangen, sich für und vor sich selbst zu rechtfertigen. Hatte auf Kleinmut und Destruktivität gehört, statt Zuspruch und Anerkennung sein Ohr zu leihen. “Wie ein Hund!” sagte sich K. und schickte sich an, mit Begeisterung das Richtige zu tun.

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