Gedanken eines Fahrradfahrers

Es hatte lange gedauert, bis er einsah, dass sie Recht hatten. Genau genommen, und man musste es genau nehmen, waren es 26 Jahre, 2 Monate, 1 Tag, 18 Stunden und 57 Minuten.

„Sie“, das war keine einheitliche Gruppe, der man ansah, welche Meinung sie vertrat. Eigentlich vertraten sie auch keine gemeinsame Meinung. Es war eher eine bestimmte Herangehensweise, eine Art Lebensauffassung, die sie teilten. Selten wurde sie ausdrücklich geäußert. Viel häufiger zeigte sie sich ganz unscheinbar, als alltägliche Selbstverständlichkeit. Beim Einsteigen in die Straßenbahn etwa oder wenn im Supermarkt eine neue Kasse geöffnet wurde. Daran, wie man im Betrieb über die Kollegin sprach oder der Sachbearbeiter in der Agentur über seine „Kunden“. Besondere Bedeutung maß er jedoch dem Verhalten derer zu, die selbst vorgaben, nicht zu „ihnen“ zu gehören. Ihr Umgang mit Konflikten, der Grad ihrer Zuverlässigkeit, ihre Bereitschaft für Anerkennung und Zuspruch. Und überhaupt: War er denn je anders gewesen? Hatte er nicht selbst oft genug versucht seine Haut zu retten auf Kosten anderer?

Das alles beeindruckte in tief und so gestand er sich ein, dass es keinen Sinn mehr machte, sich gegen die ganz offensichtliche Erkenntnis zu stemmen, die, wenn er ehrlich war, sich ihm schon allzu häufig aufgedrängt hatte: Es gab keine liebevolle Verbindung zwischen den Menschen. Gesellschaft war nicht mehr als ein Wettkampf um die Befriedigung materieller und biologischer Interessen. Liebe nichts weiter als eine Erfindung der Romantik, Solidarität die Theorie von Verrückten und vor allem: Es gab keine Hoffnung.

Er spürte, wie sich die Einsicht von Innen her ausbreitete und von seinem Körper Besitz ergriff. Er spannte seine Muskeln an, mechanisch trat er in die Pedale seines Fahrrades. Seine Gesichtszüge wurden streng und starr. Er fuhr auf eine Vorfahrtsstraße zu. Eine Frau überquerte unachtsam die Straße. Er bremste kurz vor ihr scharf ab und klingelte laut. Die Frau machte einen Satz vorwärts. Er beschleunigte wieder und bog mit voller Geschwindigkeit in die Straße ein. Das Hupen des Autos vernahm er kaum noch.

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