“WJ-Klartext” mit Sarrazin: Meinungsmache statt Diskussion

Thilo Sarrazin fällt öfter mal durch rassistische Äußerungen auf. Für die Wirtschafts-junioren Rhein-Neckar kein Hindernis, ihm im Mannheimer Rosengarten ein breites Forum zu bieten. Kritiker wurden hingegen aussortiert – und ich aus dem Saal geworfen.

“In einer Demokratie ist der Dialog mit allen gesellschaftlichen Gruppen notwendig. Dies gilt insbesondere dann, wenn die zu diskutierenden Themen unbequem, konfrontativ und provozierend sind. Wir Wirtschaftsjunioren stehen für eine offene Gesellschaft. Wir diskutieren offen und gerne auch kontrovers über aktuelle gesellschaftsrelevante Themen. Die Veranstaltung ‘Klartext der Wirtschaftsjunioren der Metropolregion’ verstehen wir deshalb als Diskussionsplattform und nicht als Forum der Stimmungsmache oder der Agitation.” – Ankündigung der Wirtschaftsjunioren

Soweit die Theorie!

In der Praxis enttarnte sich die “Diskussionsplattform” als das, was viele bereits befürchtet hatten: Eine Bühne für Salonrassismus und billige Werbetour für einen Kassenschlager. “Trotzdem”, dachte ich mir: “Wenn so einer schon seine Meinung äußern darf, muss ich zumindest widersprechen!” Ich wollte auf die pseudo-wissenschaftliche Begründung gängiger Ressentiments hinweisen und darauf, dass Meinungsfreiheit auch bedeutet, Verantwortung dafür zu übernehmen, auf welche Weise und in welche Richtung die öffentliche Meinung beeinflusst wird.

Leichter gesagt als getan.

Wer sich Sarrazins “Thesen” anhören bzw. ihnen widersprechen wollte, musste sich bei den Wirtschaftsjunioren namentlich anmelden. Ungewöhnlich für eine öffentliche “Diskussionsplattform”, aber nundenn: Selbst das funktionierte nicht. Denn um mich anmelden zu können, wurde von mir ein “Code” verlangt. Das klingt dann schon eher nach Geheim-Loge, denn Interessenverband. Muss man bei den Treffen der Wirtschaftsjunioren zunächst ein Losungswort duch den Schlitz einer schweren Metalltür flüstern, bevor sich diese unter lautem Knarren öffnet? Ich wandte mich also persönlich an deren Geschäftsführerin Isabel Biegel, erhielt darauf jedoch nur folgende knappe Antwort:

vielen Dank für Ihre E-Mail und Ihr Interesse an “Klartext der Wirtschaftsjunioren der Metropolregion Rhein-Neckar”. Eine Anmeldung zur Veranstaltung ist leider nicht mehr möglich. Die Veranstaltung ist ausgebucht.

Ausgebucht also. Verwunderlich aber, dass auf der Veranstaltungs-Seite der Wirtschaftsjunioren bis zuletzt mit 100 freien Plätzen geworben wurde (Screenshot, 30.06, 23:55). Genauso verwunderlich, warum dann trotz des großen Andrangs noch viele Plätze frei blieben. Von den hunderten Plätzen auf der Empore ganz zu schweigen.

Wie auch immer: Ich kam trotzdem rein

…und musste mir erstmal über eine Stunde zwei Dinge anhören: Eine Aneinanderreihung von Statistiken, die für sich genommen Selbstverständlichkeiten abbildeten, vom Rückgang der Geburtenrate bis hin zu den niedrigeren Bildungschancen für Migrationserfahrene. Ohne jeglichen Erkenntnisgewinn und dazu noch schlecht vorgetragen. Art und Weise von Zusammenstellung und Kommentierung bedeutete aber schon, wohin die Reise ging: Es folgte eine Interpretation dieser Statistiken, deren einziges Ziel zu sein schien, das zu “belegen”, was bei Sarrazin von Beginn an durchblickte und er selbst seine “Thesen” nennt: Plumpe rassistische Ressentiments. Dass die eine Nationalität so sei, die andere so – die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen! Dafür aber muss man sich weder in einen Anzug schmeissen, noch ermüdende Zahlen vorplappern lassen. Ein bayrischer Stammtisch hätte es auch getan. Und da hätte man wenigstens noch eine leckre Maß Bier gereicht bekommen. Aber was tut man sich nicht alles an, es blieb ja immernoch die Hoffnung auf die angekündigte Diskussion.

Aber plötzlich ist von Diskutieren keine Rede mehr!

Pustekuchen. Nicht nur, dass der WJ-“Moderator” sich nicht zu schade war, sich seine Eröffnungfrage von Sarrazin zuflüstern zu lassen (in etwa: “Fragen sie mich mal, wie es mir danach erging!”) – Diskussionsbeiträge waren generell verboten! Stattdessen bekam Sarrazin Gelegenheit, ungestört weiter zu fabulieren, worauf er erstmal die Protestierenden am Eingang des Rosengartens – eine bunte Mischung aus Grünen, Linken und Antifas – als “Linksfaschisten” beschimpfte. Eine Distanzierung von der dort für sich werbenden rechtspopulistischen Partei “Die Freiheit” – laut Eigenwerbung “Die Partei zum Buch” – erfolgte hingegen nicht. Die erste zugelassene “Wortmeldung” aus dem Publikum, wurde dann sogleich darauf hingewiesen, dass man es doch bitte bei einer Frage an Sarrazin belassen soll statt eine eigene Meinung kundzutun. Auch die zweite “Wortmeldung” wurde entsprechend belehrt. Was mich wunderte: “Wortmeldungen” hatte ich gar keine wahrgenommen. Woher wusste der “Moderator” bloß, wohin er sich begeben mußte? Ich stand also auf und setze mich erst wieder, als mir der “Moderator” – nach Intervention eines anderen Gastes – bedeutete, er käme dann als nächstes zu mir.

Raus mit dem Kritiker! Und das Publikum klatscht.

Als ich an der Reihe war und mich zunächst einmal über die Art und Weise beschwerte, wie ein offener Meinungsaustausch verhindert werde, zumal Sarrazin in Büchern und Medien ausreichend Gelegenheit hatte, seine Sicht der Dinge darzustellen, wurde mir kurzerhand verboten, mich weiter zu äußern. Sarrazin kommentierte dies in etwa mit den Worten, es stünde mir ja frei, sein Buch nicht zu lesen, kein Fernsehen zu schauen und nicht auf die Veranstaltung zu kommen. Und fasste damit unbewußt den Tenor der Veranstaltung zusammen: Klappe halten oder draußen bleiben! Insofern konsequent, schließlich sollen Migrant_innen ja auch nicht aufmucken, sondern sich brav in das Bestehende integrieren. Ich wurde dann – weiterhin mit der Macht des Mikrophon-Inhabers – angewiesen, mich wieder hinzusetzen oder den Saal zu verlassen, was bei dem Publikum zu Applaus und Hinweisen auf das “Hausrecht” führte. Als ich dennoch stehen blieb, wurde ich unter Protest vom Security-Personal rabiat aus dem Veranstaltungsraum gedrängt. Für einige der selbsternannten Hüter der Meinungsfreiheit vielleicht eine befremdliche Szene. Aber die wundersamen Möglichkeiten selektiver Wahrnehmung werdens schon richten.

Sarrazin schrieb in dem BILD-Artikel, mit dem er die Werbung für sein Buch startete:

Ich möchte, dass auch meine Urenkel in 100 Jahren noch in Deutschlandleben können, wenn sie dies wollen. Ich möchte nicht, dass das Land meiner Enkel und Urenkel zu großen Teilen muslimisch ist, dass dort über weite Strecken türkisch und arabisch gesprochen wird, die Frauen ein Kopftuch tragen und der Tagesrhythmus vom Ruf der Muezzine bestimmt wird. Wenn ich das erleben will, kann ich eine Urlaubsreise ins Morgenland buchen. Ich möchte nicht, dass wir zu Fremden im eigenen Land werden.

Ich möche, dass meine Urenkelinnen und Urenkel in einem Land leben können, das Menschen nicht danach beurteilt, wo ihre Urgroßmütter und Urgroßeltern einmal gelebt haben. Ich möchte nicht, dass in dem Land meiner Enkel und Urenkel Rassisten ein Podium geboten und Kritikern der Mund verboten wird. Und in dem Wirtschaftsjunioren einem Mann applaudieren, der weit verbreitete Ressentiments schürt, statt Ansätze für konkrete Probleme zu liefern, und damit auch noch Millionen verdient. Solche Menschen sind mir weitaus fremder als meine Freunde aus dem islamisch geprägten Kulturkreis.

6 comments

  1. Pingback: Update: “WJ-Klartext” mit Sarrazin – Weblog von Elmar Herding
  2. Pingback: Was treibt die Wirtschaftsjunioren zu “50-80 Prozent” zu Thilo Sarrazin? | rheinneckarblog
  3. gerhard fontagnier

    unerträglich was die wirtschaftsjunioren hier abgeliefert haben. statt sich mit den migrantischen unternehmerinnen und unternehmern in dieser stadt zusammen zu tun, laden sie den oberspalter und salonrassisten ein und verhindern auch noch im saal die kritik an seinen “thesen”. erbärmlich wie sie das geschäft eines rassisten mit betreiben.

  4. Harald Grönitz

    Ich wundere mich immer wieder, wie Linke es schaffen, die Wirklichkeit komplett auszublenden:
    ist der Islam etwa eine Rasse? Warum darf man nicht kritisieren, daß sich islamische Einwanderer wesentlich schlechter integrieren? Oder, daß Einwanderung in die Arbeitswelt erfolgen sollte – und nicht ins Sozialsystem? Ist ein Volkswirt (der rechnen kann), automatisch ein “Faschist”? (Nur, weil Linke sich WEIGERN, zu rechnen?)
    Apropos Faschisten; ich selbst war Zeuge, wie Herr Fontagnier vor dem Eingang zum Rosengarten dem Freiheit-Vertreter wörtlich sagte: “Ich wünsche Ihrer Partei alles erdenklich Schlechte…” – warum soll man so jemanden nicht auch, zur Abwechslung, als “Linksfaschisten” bezeichnen dürfen?

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  5. Boris

    Ich war dort und muss sagen bis auf den typ(Elmar Herding und was ich zu ihnen sagen muss….ganz lächerliche vorstellung) der aus dem saal geworfen wurde war der abend gelungen ! wem die meinung von ihm nicht passt muss nicht hingehen und sich das was er zusagen hat anzuhören!versteh nicht das die leute es immer wieder provozieren müssen…unnötiges volk!

  6. Pingback: 2. Update: “WJ-Klartext” mit Sarrazin | [ˈwɛb.lɔg] Elmar Herding

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