Gedanken über Konformität

Konformität meint die Übereinstimmung einer Person mit den Normen eines gesellschaftlichen, inhaltlichen oder ethischen Kontextes. Sie wird bewirkt zum einen durch den inneren Drang einer Person, sich diesem Kontext anzupassen, zum anderen durch einen von diesem Kontext ausgehenden Konformitätsdruck.

Möchte man eine Haltung zum Thema Konformität entwickeln, kann sich diese zum einen auf die Konformität als solche beziehen, also die Frage, ob sich Übereinstimmung als gut und richtig darstellt und zum anderen auf die Wirkfaktoren, also die Psyche der Person und die Druckmittel des Kontextes.

1. Konformität einer Person mit einem Kontext

Ersteres wird sich nicht abstrakt bestimmen lassen sondern setzt einen konkreten Kontext voraus.

So wird man die Übereinstimmung einer Person mit einer ethischen Norm dann für gut und richtig befinden, wenn man selbst konform mit dieser Norm ist. Hält man etwa das Tötungsverbot für im Grundsatz gut und richtig, wird man Konformität einer Person hiermit anerkennen, Non-Konformität hingegen missbilligen. Durch Entäußerung dieser missbilligenden Haltung wird man selbst wiederum Teil des sozialen Gefüges, das zur Festigung dieser Norm beiträgt. Gibt der Kontext der Person hingegen vor, sich bei winterlichen Temperaturen im Freien unbekleidet und auf Händen fortzubewegen und stimmt man mit dieser Norm nicht überein, wird man die Non-Konformität der Person mit dieser Norm für gut und richtig erachten. Entäußert man diese Haltung, beteiligt man sich an der Aufweichung dieser Norm und setzt dem vom Kontext ausgehenden Druck einen Veränderungsdruck entgegen.

Da sich zur bloßen Tatsache von Konformität somit keine allgemeine Haltung entwickeln lässt, wird man jedenfalls Konformismus im Sinne einer allgemeinen Bejahung und Forderung von Anpassung ablehnen können. Denn Ansatz unserer Bewertung war eher ein Individualismus im alltagssprachlichen Sinne. Wir haben die Beurteilung einer Entscheidung und Meinungsbildung zunächst unabhängig davon vorgenommen, ob sie konform zum gesellschaftlichen Kontext war. Dem Argument, wir seinen insofern einem Zirkelschluss erlegen, lässt sich zum einen die Evidenz der Beispiele entgegenhalten. Zum anderen wäre die Beurteilung von Konformität als gut und richtig mit dem Argument, das Konformität ansich gut und richtig sei, zumindest nicht weniger zirkelschlüssig.

2. Drang nach Konformität

Betrachten wir uns nun den Drang nach Konformität. Er wird beschrieben als inneres Bedürfnis nach einem Gefühl der Zugehörigkeit und der Sehnsucht nach Integration durch Assimilation.

a) Beurteilung von Bedürfnissen

Nun wird man Gefühle und Bedürfnisse grundsätzlich nicht an dem Maßstab gut und richtig oder böse und falsch beurteilen können. Wer eine starke verzückte Liebe empfindet wird sich ebenso wenig allein deshalb einer ethischen Beurteilung aussetzen müssen wie eine Person die beim Anblick einer anderen tiefsten Hass oder Ekel empfindet. Dies wird sich damit begründen lassen, dass Gefühle und Bedürfnisse auf in großen Teilen im Unbewussten verankerte Erfahrungen und Lernprozesse oder körperliche Instinkte zurückzuführen und daher nur schwerlich zu kontrollieren sind. Dieser private, außersoziale Bereich wird erst dann verlassen wenn sich Gefühle oder Bedürfnisse in Handlungen von sozialer Relevanz niederschlagen. Sie haben dann regelmäßig einen geistig-willentlichen Entschließungsprozess durchlebt und sind als Verhalten einer normativen Beurteilung zugänglich.

b) Folgen des Drangs nach Konformität

Unabhängig von der beschriebenen Zurückhaltung hinsichtlich einer ethischen Bewertung des Einzelfalls wird sich eine Beurteilung von Gefühlen und Bedürfnissen als solche jedoch dahingehend vornehmen lassen, welche Auswirkungen sie auf die fühlende oder bedürftige Person selbst und ihre Entwicklung sowie den Kontext und dessen Entwicklung haben.

Bezogen auf die Sehnsucht nach Integration durch Assimilation fällt zunächst auf, dass sich diese mit dem, was wir Freiheit nennen, einen Zustand der Autonomie des Subjekts, nur schwer vermitteln lässt. Der Drang nach Assimilation lässt alle äußerlich-rechtliche Freiheit obsolet werden. Selbst wenn die betreffende Person – gesellschaftlich konform – gegenüber norm-abweichendem Verhalten tolerant ist, so ist ihr Toleranz doch kein eigenes Bedürfnis. Ihr wird eine Toleranzreduktion regelmäßig weniger auffallen als einer Person, die den Anpassungsdruck verspürt.

Der hohe Grad an Non-Konformität im Rahmen der Adoleszenz verweist jedoch auf eine besondere Funktion non-konformen Empfindens über die Nutzung bestehender Freiräume hinaus: Ein assimilierendes Zueigenmachen der Erlebnis- und Gedankenwelt der Erwachsenen durch die adoleszente Person würde es dieser kaum möglich machen, neue Erfahrungen zu sammeln, neue Lebensentwürfe zu beschreiten oder schlicht, alte Wahrheiten in Frage zu stellen. Gesellschaftliche Veränderung und Fortentwicklung, sofern man eine solche erkennen möchte, wäre kaum möglich. Selten werden wir eine Weiterentwicklung weder der natur- noch der geisteswissenschaftlichen Sphäre einer Person oder einem Cluster zuschreiben können, die oder das sich als besonders konform bezeichnen ließe. Es lässt sich, mit anderen Worten, aus Konformismus nichts entwickeln. Wer sich seinem Kontext assimiliert, kann an diesen keine Impulse senden, ihn nicht durch Reibung formen oder stimulieren. Fehlende Abgrenzungsgabe, fehlende Unterscheidungsfähigkeit, fehlende Nicht-Integration führt zu Stagnation.

Selbst aber, sofern sich der Kontext darauf verständigen würde, einzufrieren, so würde sich doch seine Umgebung verändern. Die Stagnation jedoch birgt die Gefahr einer Nicht-Anpassung gegenüber außerhalb des Kontextes liegenden Faktoren. Die Konformität der Personen mit dem Kontext führt zur Non-Konformität des Kontextes mit dem übergeordneten Kontext.

Können wir also schon nicht sagen, dass ein innerer Drang nach Konformität als solcher gut und richtig oder schlecht und böse ist, so jedenfalls, dass er für das Gelingen unserer Gesellschaft, für unsere Fortentwicklung, für das Überleben des jeweiligen Kontextes nicht förderlich ist.

c) Konformismus der Non-Konformen

Abzugrenzen von dieser Non-Konformismus als Empfinden, Erleben und Ausleben von Nicht-Übereinstimmung werden jene Empfindungen und Haltungen sein, die sich durch Überheblichkeit gegenüber den übrigen Personen eines sozialen Kontextes auszeichnen. Denn zum einen übersieht diese Haltung, dass der Drang nach Konformität als Gefühl zunächst einer ethischen Bewertung enthoben ist. Zum anderen, dass auch Non-Konforme Kontexte soziale Gefüge sind, die sich erhalten wollen und bestimmte Anpassungsleistungen voraussetzen und erwarten. Der Non-Konforme ist daher, möglicher Weise ohne dies zu reflektieren, in der Regel konform mit einem anderen Kontext, ohne dass er den anderen Mitgliedern des Kontextes deren Konformität als solche vorhalten würde. Dann jedoch kann es wiederum nicht auf die Konformität als solche ankommen, sondern auf die eigene Übereinstimmung mit dem Inhalt des Kontextes.

Dies wiederum bedeutet nicht, dass der Kontext, insbesondere das soziale Gefüge als solches zu respektieren wäre. Als Abstraktum verdient dieser, im Gegensatz zu seinen konformen Teilen, die ihn stützen, keinen natürlichen Schutz, außer dass er sich auf Legitimationsgrundlagen stützt, mit denen wir als Betrachtungssubjekt konform gehen.

3. Konformitätsdruck

Versuchen wir nun zuletzt, eine Haltung zu entwickeln zu den Druckmitteln des Kontextes, so müssen wir seinen Mitgliedern eines seiner größten Druckmittel zugestehen: Dem Erleben von Non-Konformität gegenüber dem Kontext, ausgeübt von seinen vielen Teilen, etwa, wie eingangs dargestellt, durch bloße Entäußerung einer normfestigenden Haltung. Gegen den hierdurch ausgeübten Druck wird der Non-Konformist resilient sein, sich eine gewisse Resilienz antrainieren oder unter seiner non-konformen Haltung leiden müssen.

Dies wird man jedoch zunächst dahingehend einschränken müssen, dass der Bereich, indem Normerhaltung stattfindet in der Praxis bei Weitem über das hinaus geht, was normativ erforderlich ist. Erfasst sein sollte nur jenes Verhalten, dass als schädlich gegenüber anderen Lebewesen erweist, wobei dies, wie dargelegt, wesentlich abhängt von der eigenen Übereinstimmung mit der Bewertung als schädlich.

Allerdings wird sich nur schwerlich eine normative Haltung gegenüber bestimmten Tatsachen begründen lassen, wie jener, dass eine Frau mit einer anderen Frau Sex hat, ihr hiermit einverstandener Ehemann, Hausmann, gerne Anzüge trägt und nicht-weißer Hautfarbe ist. Wo niemandem geschadet werden kann, entbehrt sich jede Haltung und Normdurchsetzung.

So begründen sich Normdurchsetzungsversuche in diesem apolitischen amoralischen Bereich auch häufig nur vordergründig inhaltlich, sind in einer tieferen Ebene jedoch Ausdruck überwundener Non-Konformität, die sich bemüht, die eigene Nicht-Erfüllung weitergeben und sich dadurch in der eigenen fatalistischen Ansicht selbstzubestätigen.

Ferner ist ein Kontext zwar, wie schon der Konformitätsdruck zeigt, mehr als die Summe seiner Teile. Er wird sich jedoch legitimer Weise nie gegen die Existenz einzelner non-konformer Teile wenden können. So kann es etwa vertretbar sein, einzelnes sozial schädigendes non-konformes Verhalten auszuschließen. Bei aller Drakonie wird es dem Konformitätsdruck jedoch nie gelingen, bestimmtes non-konformes Verhalten vollends auszulöschen. Folge dieser objektiven Grenze an Konformität muss eine Begrenzung des Druckmittels sein.

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