Kategorie: Politische Artikel

Tabubruch hat so einen Bart!

Walser, Möllemann, Herman, Sarrazin und jetzt: Grass. Sie sprechen aus, was alle wissen, aber sich keiner zu sagen wagt – angeblich. Sie brechen mit einem Tabu, das sie selbst konstruiert haben. Als würde nicht an jedem Stammtisch über Ausländer oder Deutsche mit Migrationshintergrund gehetzt. Als würde in der Öffentlichkeit nicht umfangreich über die Gefahr eines Krieges im Nahen Osten oder die isrelische Siedlungspolitik diskutiert. Albrecht von Lucke analysiert diese “Dialektik des Tabubruchs” in Deutsche Zustände X folgendermaßen:

Erstens: Der moderne Populismus bedient sich immer der Strategie der gezielten Regelverletzung. Dabei hüllt er sich in das Mäntelchen des Aufklärers, indem er seine Provokationen als Kampf gegen irrationale Tabus inszeniert.

Zweitens: Die Provokation, das gezielte Spiel mit der Regelverletzung, gelingt nur dann, wenn sie tatsächlich verfängt. Dafür muss der Provozierte “mitspielen”, also als Provozierter reagieren und mit seinem Protest die Antithese zur Provokation selbst beisteuern. Stets kalkuliert der Tabubrecher diese Reaktionen bereits bei seinen Vorüberlegungen ein. Dieser gedankliche Vorsprung macht seine strategische Überlegenheit aus.

Drittens: Erst dadurch, nämlich dank der provozierten Reaktion, ist der Tabubrecher endgültig in der Lage, sich als im Namen des Volkes auftretender Robin Hood gegen die Klasse der Etablierten zu inszenieren. Indem er seine These und die Antithese seiner Gegner aufnimmt, kann er diese coram publico synthetisieren und seine Conclusio daraus ableiten: Seht her, nur ich allein setze mich stellvertretend für die unterdrückte Bevölkerung gegen die Meinungsdiktatur der herrschenden Klasse zur wehr.

Im Umgang mit solchem Populismus schlägt von Lucke vor, die Behauptung einer unüberwindbaren political correctness und des vermeindlichen Tabubrechers als Gegner eines geschlossenen elitären Systems zu dekonstruieren, sowie bei der Reaktion die richtige Dosis zu wählen, um diesen nicht rückwirkend ins Recht zu setzen. Thomas Hinrichs hat das m.E. ganz prägnant gemacht.

Update: Studi-Aktionen im Test: RCDS vs. Kritische Initiative

Update zu Studi-Aktionen im Test: RCDS vs. Kritische Initiative

Das Video über den gescheiterten RCDS-Flashmob zieht im Internet immer weitere Kreise. In Kürze werden sich über 150.000 User/innen das Video auf youtube angeschaut haben. Unter dem Titel “Ein aufgebrachter Professor wird zum Youtube-Star” berichtete vergangenen Mittwoch auch die SWR Landesschau Baden-Württemberg über den Hörsaal-Schwank:

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Studi-Aktionen im Test: RCDS vs. Kritische Initiative

www.kritische-initiative.de, Sreenshot vimeo-VideoSchaut man sich die aktuellen Nachrichten von radioaktiv, dem Campusradio Rhein-Neckar an, stößt man kurz nacheinander auf zwei Meldungen über studentische “Stör”-Aktionen. Eine davon scheint geglückt, die andere eher “nach hinten losgegangen” zu sein. Die bloße Gegenüberstellung dieser Aktionen finde ich so erhellend, dass ich sie weitestgehend unkommentiert lassen werde. Auffällig ist der ganz unterschiedliche Umgang mit Autorität und Selbstermächtigung.

Unter dem Titel “RCDS entschuldigt sich für gescheiterten Hörsaal-Flashmob” erfährt man:

Der RCDS der Uni Mannheim hat sich für den gescheiterten Flashmob während einer Vorlesung am vergangenen Mittwoch entschuldigt. Auf ihrer Facebook-Seite nannte die Hochschulgruppe das eigene Verhalten “unhöflich” und entschuldigte sich bei allen Beteiligten. Wie der RCDS weiter mitteilt, wollte man mit der Aktion auf hochschulpolitisches Engagement aufmerksam machen. Weiterlesen

Update: Die gefakte “Online-Strechstunde” von Lars Reinefahl

Update zu Neues aus Spandau: Die gefakte “Online-Sprechstunde” von Lars Reinefahl

www.lars-reinefahl.de, Sreenshot v. 05.08.2011Mein Beitrag über die Tricks der CDU Spandau im Online-Wahlkampf zum Berliner Abgeordnetenhaus, wurde in einigen Blogs aufgegriffen. So setzt sich etwa Metronaut zunächst kritisch mit dem Online-Wahlkampf der Berliner Grünen auseinander. Dieser leidet unter dem Schönheitsfehler, dass gerade der Eintrag von Andreas Gebhard auf deren Mitmach-Plattform zu einer groß aufgehängten Ortsbesichtigung mit Spitzenkandidatin Renate Künast geführt hat. Gebhard ist seinerseits Geschäftsführer der den Grünen Wahlkampf unterstützenden Agentur newthinking. Weiterlesen

Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen!

Plötzlich kam sie auf, diese archaische Diskussion. Unter meinen Freunden, in meiner Wohnung, unter den Augen Comandante “Che” Guevaras. Man hatte sich Kaffee und Plätzchen genehmigt, Lasagne und Gin Tonic und kam nun darüber ein, es müsse Schluss sein mit der sozialen Hängematte. Und ich schwieg.

Natürlich schwieg ich. Was sollte ich auch sagen? War das der Feind im eigenen Haus? Wie kommen Menschen, die ich mag, auf die Idee, anderen eine Sozialleistung von 10 € am Tag zu neiden? Den Ärmsten der Bevölkerung ihr Existenzminimum, das letzte Stück Fleisch auf dem Teller, streitig zu machen? Weiterlesen

Neues aus Spandau: Die gefakte “Online-Sprechstunde” von Lars Reinefahl

www.lars-reinefahl.de, Sreenshot v. 05.08.2011Man könnte sich fragen, was mich das Geplänkel im Spandauer Wahlkampf interessiert. Die Antwort ist: An sich gar nicht. Aber das, was die Junge Union Spandau und ihre Mutterpartei sich im Vorfeld der Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus leistet, ist symptomatisch für eine Politik, die modern und bürgerfreundlich erscheinen will, dann aber doch nicht die Finger von der alten Trickkiste Manipulation lassen kann. Das Problem ist nur: Das Web 2.0 hat seine eigenen Regeln.

Gestern berichtete ich über die Kritik der Jungen Union Spandau an einem Link der Jusos auf eine Elektropunk Band (Stichwort: “linksradikale Hasskultur”) und Leo M., Vorsitzender der Schülerunion Spandau, der diese Kritik mit dem Kommentar untermauerte, wie weit radikale Hasskultur führen könne, habe man ja in Oslo gesehen. Weiterlesen